Bewerbungsgespräch – worauf kommt es an?

Ich suche seit einem halben Jahr neue Kollegen für meine Abteilung (einen Teamleiter mit disziplinarischer Verantwortung und zwei Java Entwickler) und führe deshalb viele Bewerbergespräche. Mir fällt zunehmend auf, dass sich ein Großteil der Bewerber kaum noch mit dem Unternehmen beschäftigt, sich mit einer Palette von Buzz-Words ausstattet und in keiner Weise damit rechnet, dass ich auch Fragen zu der menschlichen Seite stelle. Darum hier meine Empfehlungen für Bewerber auf die offenen Stellen in meiner Abteilung:

  • In Zeiten der Kundenorientierung ist der klassische “Kellerkind-Informatiker”  nicht mehr gefragt. Bei mir jedenfalls nicht. Seien Sie auch ein Mensch, zeigen sie Gefühle (Angst, Wut, Ärger sind ebenso wichtig wie Begeisterung, Freude, Liebe oder Humor).
  • Beschäftigen Sie sich mit allen über das Unternehmen verfügbaren Informationen. Nutzen Sie den Kontakt über die Personalabteilung um vorab Fragen zu stellen und notieren Sie sich offene Fragen.
  • Überlegen Sie sich, wie Sie Ihre Gesprächspartner von sich BEGEISTERN können. Verkaufen Sie sich!
  • Seien Sie ehrlich. Wenn Sie etwas nicht wissen, dann sagen Sie das, BEVOR Sie beginnen, mit Vermutungen Zeit zu schinden
  • Interessieren Sie sich für das Geschehen rund um Ihr fachliches Feld herum. Rechnen Sie mit Verständnisfragen der allgemeinen Art.
  • Bringen Sie sich zwei Tage vor dem Gespräch auf den aktuellen Stand was die laufenden Nachrichten angeht.
  • Lassen Sie sich etwas einfallen – wie könnte ich mich sich an Sie erinnern? Eine kecke Aussage (Sloagan, Idee) oder ein Gegenstand, der eine besondere Ihrer Eigenschaften darstellt (den Sie dann natürlich wieder mitnehmen) hilft!

2 Comments to “Bewerbungsgespräch – worauf kommt es an?”

  1. By Tim, 04/12/2009 @ 11:31

    So sehr, wie ich Deinen Vorschlag verstehen möchte, so wenig kann ich die ständigen Optimierungswünsche für Bewerbe nicht mehr hören. Um es vorweg zu sagen: Das hier sind nicht die Worte eines Menschen, der seid Jahren einen Job sucht, sondern jemand der eigentlich ganz gut im Arbeitsleben steht.

    Die Zeit meiner Bewerbungen ist aber nicht weit hinter mir, und ich muss leider berichten, dass das, was Unternehmen mittlerweile mit einer der bestausgebildetsten Generationen aller Zeiten tun, schon langsam an Frechheit grenzt.

    Zu Zeiten meiner Eltern hat es ausgereicht eine solide Ausbildung bei einem bekannten Unternehmen zu absolvieren, um entweder dort übernommen zu werden, oder mit guten Jobchancen auf den Arbeitsmarkt zu gehen. Plötzlich tat sich Zusatzlayer 1 “Studium” auf, und alle Berufsanfänger, die “mehr” wollten besuchten die Universitäten. Eine Ausbildung, von der alle, die sie absolviert haben, wissen, dass sie kaum eine Berufsvorbereitung, zumindest aus fachlicher Sicht ist.

    Aber auch das reicht nicht: Um mit Studium also irgendeine Chance zu haben, muss man sich einen Haufen Praktika raufschaffen, um evtl. die Chance zu haben, nicht als vollständiger Grünlig zu gelten. Außerdem muss der Bewerber muss ja auch einen “interessanten” Lebenslauf haben und deshalb möglichst Auslandserfahrung o.ä. “ungewöhnliche” Aktivitäten betrieben haben. Damit wären wir bei Zusatzlayer 2. Dass viele Bewerber sich um diese Dinge nicht aus freien Stücken, sondern reinen Zwang und Notwendigkeit bzw. “Lebenslauf-Pimping”, bemühen fällt schnell aus dem Fokus.

    Womit wir dann auch schon bei Zusatzlayer 3 wären: Auftreten, Sozialkompetenz, Authentizität. Wenn sich der Bewerber Grundvoraussetzung, Zusatzlayer 1+2 raufgeschafft hat, wird von ihm verlangt, dass er authentisch, interessant und selbstbewusst “rüber” kommt. Der leistungsfokussierte Überperformer mit Starqualitäten und sozialen Kompetenzen für Führungsverantwortung – und natürlich: Das muss er alles schon mitbringen. Hoffentlich muss er dazu nicht zu viel Schauspielern und sich selbst verbiegen.

    Ich bestreite nicht, dass man genau diese Kandidaten für bestimmte Aufgaben braucht bzw. sich wünscht. Was aber außerordentlich beklagenswert ist, dass sich kaum noch ein Unternehmen zutraut Kandidaten auszuwählen, von denen man glaubt, dass sie das Potenzial haben, sich in diese Richtung zu entwickeln. Das geht nur noch in Trainee-Programmen für die Zusatzlayer 1+2 mit übertriebener Härte abgeprüft werden.

    Sorry Mirco – diese Dinge von einem Formalismen-fokussierten Informatiker zu verlangen, ist vielleicht ein bisschen viel. Vielleicht reicht ab und zu ja auch “Potenzial”. Mir wäre es als Vorgesetztem viel lieber, ich hätte tatsächlich eine authentische Person, die Spaß an Ihrer Aufgabe hat, deren Fehler und Schwächen ich aber auch akzeptiere, als jemand der diese Dinge nur vorgibt.

    Im letzten Punkt treffen wir uns wieder, wenn ich Dich richtig verstehe – aber wir kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken.

  2. By mirco, 06/12/2009 @ 18:07

    Danke für Deinen kritischen Kommentar.

    Ich sehe die Thematik gar nicht so eng wie Du, und möchte in diesem Zusammenhang gerne verdeutlichen, dass es sich hier um meine(!) Anforderungen handelt. Sicherlich stehen meine Anforderungen in einem bestimmten Zusammenhang mit kulturellen und fachlichen Aspekten meines Unternehmens. Dennoch gibt es keinen Grund für eine Verallgemeinerung.

    Sind wir die bestausgebildetste Generation? Oder erhebt diesen Anspruch eh jede Generation für sich? Ich weiß es nicht und offen gestanden, ich habe in meinen fast 100 Gesprächen nichteinmal den Eindruck gewonnen, dass das Bildungsniveau einheitlich hoch ist. Im Gegenteil, ich bin des öfteren aus einem Gespräch gegangen und habe mich geärgert, dass ich mit Schlagworten ohne Sinn und Verstand um den Finger gewickelt werden sollte.

    Die Anforderungen, die ein weltoffenes, modernes, IT-getriebenes Unternehmen an ihre Mitarbeiter stellen muss, sind und dürfen hoch sein. Allein fachliches Wissen ist kein Garant für Erfolg; dieses Credo gilt im Kleinen sowie auf unternehmensebene auch im Großen. Ein Unternehmen ist glaubwürdig, wenn seine Kultur und sein Handeln zusammen passen. Dafür sind Mitarbeiter erforderlich, die nach kulturellen Aspekten handeln und fachlichen Kriterien entscheiden können. Vor diesem Hintergrund schaue ich mir dann auch die Studienpläne an. Ich entdecke Vorlesungen/Praktika beispielsweise in Richtung “intercultural management”, “erfolgreiches Projektmanagement” oder “Rhetorik” mittlerweile auch in IT-Studienrichtungen. Und das zeigt doch deutlich, dass unser Bildungswesen und die Studis erkannt haben, dass es allein mit fachlichen Themen nicht getan ist. Deine Eltern mögen das anders erlebt haben, aber das zu vergleichen ist allein schon im Kontext der gesamtwirschaftlichen Weiterentwicklung (speziell die Globalisierung) unfair bzw. eigentlich unvergleichbar.

    Um es deutlich zu formulieren: das Potenzial eines Bewerbers muss deutlich werden. Dafür erwarte ich keine lange Liste an Praktika oder Auslandsstationen sondern lediglich einen Menschen, der mich authentisch davon überzeugen kann, dass er der richtige für den Job ist. Nun gibt es unzählige Fassetten, wie man in einem Bewerbungsgespräch sein Potenzial offen legen kann, daher erwarte ich hier gar nichts konkretes sondern öffne mich dem Bewerber. Dann möchte ich aber auch ernst genommen werden und damit landen wir schon fast bei meiner Liste. Erneut, diese Liste spiegelt diejenigen Anforderungen wieder, die ICH gerne sehen/erleben möchte. Andere Unternehmen haben mit Sicherheit ganz andere Anforderungen und vor allem auch Hintergründe, um deren Sinnhaftigkeit zu untermauern.

    Ehrlichkeit und ein gesundes Maß an Ausdruckskraft zählen für mich zu den Dingen, die man von JEDEM Bewerber für einen Ingenieursberuf erwarten darf.

    Zusammenfassend bin ich also nicht Deiner Meinung, dass ich die Bewerber mit zu hohen Ansprüchen konfrontiere. Im Gegenteil, ich lasse mich sogar gerne darauf ein, wenn ein Bewerber in dem Gespräch einen eigenen Weg geht. Sofern er mich dabei ernst nimmt und das Ziel nicht aus den Augen verliert. Und ich gehe sogar einen Schritt weiter und behaupte, dass meine Anforderungen mit den aktuellen Schwerpunkten unserer Bildungseinrichtungen zu weiten Teilen übereinstimmt. Und nicht zuletzt kann ich sagen, dass ich mit diesen Anforderungen regelmäßig Mitarbeiter an Bord nehme und genau das ist der Grund, warum ich keine Kompromisse machen muss!

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